In vielen Büros hängt an den Wänden nichts. Kein Bild, kein Farbton, nichts, das ablenken könnte. Die Idee dahinter klingt vernünftig: Wer konzentriert arbeiten soll, braucht keine Dekoration. Reduktion als Tugend.
Das Problem ist, dass diese Idee falsch ist. Sie klingt nur richtig. Wenn man nachschaut, was tatsächlich mit Menschen passiert, die in kahlen Räumen arbeiten, dann zeigt sich ein anderes Bild. Sie sind nicht produktiver. Sie sind langsamer, unzufriedener und melden mehr Beschwerden.
Das ist keine Geschmacksfrage. Es ist gemessen worden.
Der Mythos vom aufgeräumten Büro
Die Vorstellung, dass ein leerer Raum die Konzentration fördert, hat einen Namen in der Bürowelt. Man spricht vom lean office, vom schlanken Büro. Alles, was nicht unmittelbar gebraucht wird, kommt weg. Keine Pflanzen, keine Bilder, keine persönlichen Gegenstände. Der Schreibtisch als Werkbank.
Hinter dieser Idee steckt eine bestimmte Annahme über den Menschen: dass er eine Maschine ist, die am besten funktioniert, wenn man alle Störfaktoren entfernt. Die Annahme ist verbreitet, gerade bei Unternehmen, die effizient wirken wollen. Und sie hält sich hartnäckig, obwohl die Forschung sie nicht stützt.
Was die Forschung zeigt
Die zentrale Arbeit dazu stammt von den Psychologen Craig Knight und Alexander Haslam. Sie ließen Menschen jeweils eine Stunde in unterschiedlich gestalteten Büros arbeiten und maßen, wie gut und wie schnell sie waren.
Es gab vier Varianten. Ein kahles Büro, das nur das Nötigste enthielt. Ein angereichertes Büro mit Bildern und Pflanzen. Ein Büro, in dem die Teilnehmer diese Bilder und Pflanzen selbst anordnen durften. Und eines, in dem man ihnen diese Freiheit zunächst gab und sie dann wieder wegnahm.
Knight, C. & Haslam, S. A. (2010). The relative merits of lean, enriched, and empowered offices: An experimental examination of the impact of workspace management strategies on well-being and productivity. Journal of Experimental Psychology: Applied, 16(2), 158-172.Das Ergebnis war deutlich. Im angereicherten Büro arbeiteten die Menschen rund 15 Prozent schneller als im kahlen Raum, und sie hatten weniger gesundheitliche Beschwerden. Durften sie den Raum selbst gestalten, verdoppelte sich dieser Vorteil. Das kahle Büro schnitt in keiner Messung am besten ab. In keiner einzigen.
Bemerkenswert ist die vierte Gruppe. Wer erst gestalten durfte und dann zurückgepfiffen wurde, fiel auf das Niveau des kahlen Büros zurück. Die reine Anwesenheit von Kunst reicht also nicht. Es geht auch darum, dass Menschen ihren Raum als ihren erleben.
Warum Kunst am Arbeitsplatz wirkt
Der Grund dafür hat zwei Schichten. Die erste ist die direkte Wirkung des Bildes auf das Nervensystem. Ein Werk mit ruhigen Farben und natürlicher Struktur entlastet das Auge, ähnlich wie der Blick aus dem Fenster ins Grüne. Die Aufmerksamkeitsforschung von Stephen Kaplan beschreibt das als sanfte Faszination: Reize, die das Auge beschäftigen, ohne es anzustrengen, geben der angestrengten, gerichteten Aufmerksamkeit eine Pause zur Erholung.
Kaplan, S. (1995). The restorative benefits of nature: Toward an integrative framework. Journal of Environmental Psychology, 15, 169-182.Die zweite Schicht ist psychologischer. Ein Raum, in dem jemand bewusst etwas gestaltet hat, sendet ein Signal. Er sagt, dass hier jemand mitgedacht hat, dass die Menschen, die hier arbeiten, etwas wert sind. Ein kahler Raum sendet das gegenteilige Signal, auch wenn das niemand so beabsichtigt.
Beides zusammen erklärt, warum der Effekt so robust ist. Es ist nicht nur das Bild. Es ist das Bild plus die Botschaft, die seine Anwesenheit transportiert.
Der Empfangsbereich als Sonderfall
Es gibt einen Ort im Unternehmen, an dem Kunst besonders viel leistet, und das ist der Empfang. Wer hereinkommt, ein Kunde, ein Bewerber, ein Partner, bildet sich in den ersten Sekunden ein Urteil. Dieses Urteil entsteht, bevor ein Wort gesprochen wird, und es ist schwer wieder zu korrigieren.
Ein Empfangsbereich mit einem hochwertigen Originalwerk sagt etwas über das Unternehmen, das keine Broschüre sagen kann. Er signalisiert Beständigkeit, Sorgfalt und einen eigenen Standpunkt. Ein Druck von der Stange tut das nicht, weil jeder sofort spürt, dass er beliebig ist.
Wie ein Werk in einem solchen Kontext wirkt, lässt sich an Flamingo ablesen, einem Bild, das in einer Büroumgebung Präsenz zeigt, ohne aufdringlich zu sein.
Studio Visus entwickelt evidenzbasierte Originalkunst für Unternehmen, handgemalt in Hamburg-Lokstedt, für Büros, Empfangsbereiche und Konferenzräume.
Kunst für Büros →Worauf es bei der Auswahl ankommt
Nicht jedes Bild passt an jede Bürowand. Ein paar Überlegungen helfen bei der Wahl.
Die erste betrifft die Funktion des Raums. In Konzentrationszonen, in denen Menschen lange am Stück arbeiten, wirken ruhige Werke mit gedämpften Farben und organischer Struktur am besten. In Begegnungszonen, in Fluren oder Kreativräumen, darf ein Werk lebendiger sein und Gespräche anstoßen.
Die zweite betrifft die Größe. Ein zu kleines Bild auf einer großen Wand wirkt verloren und macht den Raum eher ärmer als reicher. Lieber ein großes Werk als drei kleine, die zerstreut wirken.
Die dritte betrifft die Echtheit. Ein Original altert anders als ein Druck. Es behält über Jahre seine Tiefe, weil seine Oberfläche das Licht immer wieder neu bricht. In einem Raum, den Menschen täglich nutzen, ist das kein nebensächliches Detail, sondern der Unterschied zwischen einem Bild, das man irgendwann nicht mehr sieht, und einem, das interessant bleibt.
Häufige Fehler
Der häufigste Fehler ist, gar nichts zu tun und auf die kahle Wand zu setzen. Der zweithäufigste ist, beliebige Massenware aufzuhängen, weil sie billig war. Beides verschenkt das Potenzial, das in der Gestaltung steckt.
Ein dritter Fehler ist, die Mitarbeiter komplett außen vor zu lassen. Die Forschung von Knight und Haslam zeigt, dass Beteiligung den Effekt verstärkt. Das heißt nicht, dass jeder über jedes Bild abstimmen muss. Aber ein Raum, der über die Köpfe der Menschen hinweg gestaltet wird, entfaltet weniger Wirkung als einer, bei dem sie sich gesehen fühlen.
Fazit
Kunst im Büro ist kein Luxus, den man sich gönnt, wenn das Budget übrig ist. Sie ist ein Werkzeug, das messbar auf Produktivität und Wohlbefinden wirkt. Die kahle Wand spart kein Geld, sie kostet welches, nur eben unsichtbar.
Wer ein Unternehmen gestaltet, gestaltet auch die Räume, in denen Menschen einen großen Teil ihres Lebens verbringen. Ein gutes Werk an der richtigen Wand ist eine der günstigsten Investitionen in diese Zeit, die es gibt.