Kurz gesagt

Etwa 5 bis 10 Prozent der Menschen in Deutschland haben eine Zahnbehandlungsangst mit Krankheitswert, viele mehr sind nervös. Praxen können viel tun: Angst im Anamnesebogen abfragen, kurze Wartezeiten, den Ablauf vorher erklären, ein Stopp-Zeichen vereinbaren. Im Wartezimmer helfen Abschirmung von Behandlungsgeräuschen, leise Musik und Naturbezüge, im Behandlungsraum ein ruhiger Blickpunkt. Eine echte Phobie behandeln diese Maßnahmen nicht, sie senken aber die Anspannung.

Für viele Patienten beginnt die Behandlung nicht auf dem Stuhl, sondern Tage vorher: beim Gedanken an den Termin, auf dem Weg in die Praxis, im Wartezimmer. Wer dort schon angespannt ist, empfindet alles danach als schlimmer. Praxen haben mehr Einfluss darauf, als die meisten denken.

Wie verbreitet ist die Angst?

Für Deutschland schätzen die Autoren der zahnmedizinischen Leitlinie, dass etwa 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung an Zahnbehandlungsangst mit Krankheitswert leiden. Leichte bis mittlere Angst ist noch viel häufiger. Nach Angaben der Techniker Krankenkasse fühlen sich rund 60 Prozent beim Zahnarzt unwohl, 8 Prozent verzichten aus Angst ganz auf die Behandlung. Und auch in anderen Fachrichtungen, beim Frauenarzt, vor Spritzen oder Untersuchungen, sitzen täglich Menschen mit Herzklopfen im Wartezimmer.

Zahnbehandlungsangst bei Erwachsenen. Zahnärztliche Mitteilungen (zm), 2020, zur S3-Leitlinie.

Vor dem Termin: Angst ernst nehmen

Im Gespräch: Kontrolle zurückgeben

Angst entsteht vor allem aus dem Gefühl, ausgeliefert zu sein. Alles, was Patienten Kontrolle zurückgibt, hilft.

Im Wartezimmer: Was Patienten sehen, hören und riechen

Im Wartezimmer hat der Patient nichts zu tun außer zu warten. Deshalb nimmt er alles besonders genau wahr.

Hören

Das Geräusch des Bohrers aus dem Nebenraum ist für viele Angstpatienten der schlimmste Moment des Besuchs. Türen schließen, Schallschutz zwischen Behandlung und Wartebereich, leise Musik im Wartezimmer.

Riechen

Der typische Praxisgeruch weckt Erinnerungen. In Studien aus einer Wiener Zahnarztpraxis waren Patienten, die im Wartezimmer einem dezenten Orangen- oder Lavendelduft ausgesetzt waren, weniger ängstlich und besser gelaunt. Wer das ausprobiert, sollte sehr sparsam dosieren, weil Düfte Menschen mit Allergien oder Asthma belasten können.

Lehrner, J., Marwinski, G., Lehr, S., Johren, P., & Deecke, L. (2005). Ambient odors of orange and lavender reduce anxiety and improve mood in a dental office. Physiology & Behavior, 86, 92-95.

Sehen

Hier liegt der Hebel, an den die wenigsten denken. Plakate über Parodontitis oder Implantate, sichtbare Instrumente, kahle weiße Wände: Der Blick findet nichts, woran er sich ausruhen kann, und landet bei den eigenen Gedanken. In einem Krankenhaus-Wartebereich berichteten 457 Wartende weniger Stress, wenn echte Pflanzen oder Bilder von Pflanzen im Raum waren, verglichen mit einem Raum ohne Natur.

Beukeboom, C. J., Langeveld, D., & Tanja-Dijkstra, K. (2012). Stress-reducing effects of real and artificial nature in a hospital waiting room. Journal of Alternative and Complementary Medicine, 18(4), 329-333.

Ein großes, ruhiges Bild gegenüber den Wartestühlen gibt dem Blick einen Ort: naturnahe Farben wie Blau, Grün und Sand, weiche Formen, Muster, die an Wasser oder Wolken erinnern. Keine Gesichter, keine dramatischen Motive. Welche Bilder sich eignen, beschreibt der Ratgeber Welche Bilder beruhigen im Wartezimmer?

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Im Behandlungsraum: ein Ort für den Blick

Wer auf dem Behandlungsstuhl liegt, schaut an die Decke oder auf die Wand gegenüber. Meist ist dort nichts, oder eine grelle Leuchte. Dabei zeigt eine Studie, was ein Blickpunkt bewirken kann: Patienten, die während einer unangenehmen Untersuchung, einer Lungenspiegelung, auf ein großes Naturbild schauten und Naturgeräusche hörten, berichteten über eine bessere Schmerzkontrolle als Patienten ohne diese Ablenkung.

Diette, G. B., Lechtzin, N., Haponik, E., Devrotes, A., & Rubin, H. R. (2003). Distraction therapy with nature sights and sounds reduces pain during flexible bronchoscopy. Chest, 123(3), 941-948.

Was die Umgebung kann und was nicht

Eine echte Behandlungsphobie lässt sich mit Bildern, Musik und Duft nicht behandeln. Dafür gibt es Verhaltenstherapie, Hypnose oder Sedierung, und spezialisierte Praxen, die damit arbeiten. Was die Umgebung leisten kann, ist etwas anderes: Sie senkt die Grundanspannung bei den vielen, die einfach nervös sind. Und sie zeigt allen Patienten, dass hier jemand an sie gedacht hat.

Checkliste für die Praxis

  1. Angst im Anamnesebogen abfragen und im System vermerken.
  2. Ängstliche Patienten früh am Tag einplanen.
  3. Ablauf und Dauer vor der Behandlung erklären.
  4. Ein Stopp-Zeichen vereinbaren und einhalten.
  5. Behandlungsgeräusche vom Wartezimmer abschirmen, leise Musik spielen.
  6. Medizinische Plakate aus dem Wartezimmer nehmen.
  7. Ein ruhiges Bild gegenüber den Wartestühlen aufhängen.
  8. Im Behandlungsraum einen Blickpunkt für den Patienten schaffen.

Fazit

Angst lässt sich nicht wegdekorieren. Aber vieles, was sie verstärkt, lässt sich ändern: lange Wartezeiten, Ungewissheit, das Bohrgeräusch aus dem Nebenraum, ein Wartezimmer, in dem der Blick nichts findet. Die meisten dieser Punkte kosten wenig. Patienten merken trotzdem sofort, ob eine Praxis an sie gedacht hat.

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Hinweis: Studio Visus ist ein Atelier und kein medizinisches oder therapeutisches Angebot. Die Beiträge fassen Forschung zur Wirkung von Räumen und Bildern zusammen. Kunst kann einen Raum angenehmer machen, eine Behandlung ersetzt sie nicht.